Wolfgang Lösch

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Ost-Berlin 1990 — ein deutsch-deutsches Grenzerlebnis

Vom 3. bis 5. Oktober 1990 findet zum 4. Mal der Statuskongress zum Computer-Investitions­programm (CIP) des Bundes und der Länder in Berlin statt. Gastgeber ist die Technische Universität. Ich habe eine Einladung erhalten, um das mit dem deutschen Hochschul-Softwarepreis ausgezeichnete Programmpaket Computer­anwendungen in der theoretischen Physik zu präsentieren. Da wegen der Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober mit erheblichen Verkehrs­problemen in Berlin zu rechnen ist, reise ich schon am 1. Oktober an. Das Verkehrsamt der Stadt Berlin hat für die Kongress­teilnehmer Unterkünfte reserviert. Ich erhalte die Mitteilung, mich am 1. Oktober bis spätestens 19 Uhr in der Schinkel-Villa, einem Gästehaus in der Kreuzstraße in Berlin-Pankow, einzufinden. Es ist das erste Mal, dass ich nach Ost-Berlin reise.

Nachdem ich am Vormittag des 2. Oktober den Stand für meine Präsentation im Mathematik­gebäude der Technischen Universität geprüft und getestet habe, nutze ich den freien Nachmittag, um mir Ost-Berlin anzusehen. Vom Brandenburger Tor aus geht es über den Prachtboulevard Unter den Linden, vorbei an der Humboldt-Universität und der Deutschen Staatsoper. In der Staatsoper gelingt es mir, eine der umkämpften Eintrittskarten Eintrittskarte für das kostenlose Konzert am 3. Oktober anlässlich der Wiedervereinigung zu ergattern. Dann geht es weiter über die Museumsinsel, vorbei am Berliner Dom und dem Palast der Rebublik, bis zum Alexanderplatz. Von der Aussichts­plattform des Fernsehturms genieße ich den weiten Blick auf die Stadt. Anschließend durchstreife ich weitere Straßen und Viertel. Rotes Rathaus, Sitz des Zentral­kommittes der SED, es gibt so viele Sehens­würdigkeiten ...

Abends wird es richtig eng in Berlin. Zehntausende von Besuchern drängen in die Stadt. Alle fiebern dem historischen Höhepunkt entgegen: Mit der offiziellen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten um Mitternacht hört gleichzeitig die Deutsche Demokratische Republik auf zu existieren. Gegen 21 Uhr versuche ich, am Lehrter Stadtbahnhof eine S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße zu bekommen. Die Menschenmassen auf dem Bahnsteig sind beängstigend. Ohne mich dagegen wehren zu können werde ich in einen S-Bahnwagen geschoben und gedrückt. Im Innern des S-Bahnwagens kann ich mich nicht mehr bewegen, bekomme kaum Luft zum Atmen und kann nichts mehr sehen, da meine Brille sofort beschlägt. Ich merke, wie in mir Panik aufzusteigen droht. Als die S-Bahn im Bahnhof Friedrichstraße zum Stehen kommt und sich die Türen öffnen, kenne ich nur noch einen Gedanken: Nichts wie raus! Die Erleichterung über die wiedergewonnene Bewegungs­freiheit ist jedoch von kurzer Dauer. Bereits beim Aussteigen fühle ich, dass etwas nicht stimmt. Ich greife in die Tasche meines Parkas und erschrecke. Die Tasche ist leer. Auch meine Gesäßtasche ist leer. Alle meine Taschen sind leer. Ich bin völlig ausgeraubt worden!

Ich schaue verzweifelt den Menschen­massen nach, die sich auf dem Bahnsteig langsam verlieren. Erst allmählich beginne ich zu realisieren, was sich in den letzten Minuten abgespielt hat. Wie benommen haste ich dem Ausgang zu. Polizei! Wo ist die Polizei? Zum Glück wimmelt es in dieser Nacht von westdeutschen Polizei­streifen. Überall, an jeder Straßenecke stehen sie. Ich spreche einen Polizeibeamten an. Aufgeregt schildere ich ihm, was mir soeben passiert ist. Und dabei mache ich einen unverzeihlichen Fehler. Mir ist in diesem Moment nicht bewusst, dass ich mit der S-Bahn vom Staatsgebiet der BRD über die Grenze in das (noch existierende) Staatsgebiet der DDR gefahren bin. Der Lehrter Bahnhof liegt zwar auf dem Gebiet der BRD, aber unmittelbar nach Verlassen des Bahnhofs bewegt sich die Bahn über das Gebiet der DDR. Und da ich ja nicht im Bahnhof, sondern während der Bahnfahrt bestohlen wurde, folgert der Polizeibeamte messerscharf, dass nicht er, d.h. die westdeutsche Polizei, sondern die Volkspolizei der DDR für diesen Fall zuständig sei. Ich bin fassungslos und will es einfach nicht glauben. Obwohl die DDR in wenigen Stunden nicht mehr existieren wird und die westdeutsche Polizei bereits ganz Ost-Berlin fest im Griff hat, fühlt sie sich nicht zuständig. Ich werde mit dem Ratschlag, ein Revier der Volkspolizei in der Otto-Nuschke-Straße aufzusuchen, wieder weggeschickt.

Ich atme tief durch und versuche, mir meine gegenwärtige Situation vor Augen zu führen. Nachts in Ost-Berlin, ausgeplündert und mittellos, und der Boden, auf dem ich mich bewege, ändert in wenigen Stunden seine Staatszugehörigkeit. Ich fühle mich hilflos und allein gelassen. Jetzt erst entdecke ich, dass sich tief in einer Tasche vergraben noch mein Autoschlüssel und ein paar Münzen befinden. Mein Auto, das ich beim Gästehaus geparkt habe, ist also nicht in Gefahr und ich kann mit den Münzen immerhin das eine oder andere Telefonat führen. Mit diesem kleinen Hoffnungsschimmer kämpfe ich mich durch die Menschen­massen und versuche, die Otto-Nuschke-Straße zu finden.

Ein kleiner, zerknitterter Stadtplan hilft mir, wenigstens ungefähr die richtige Richtung einzuschlagen. Nach einigem Umherirren stehe ich schließlich vor dem Eingang des Reviers 11 der Volkspolizei Berlin-Mitte. Es ist kurz vor 22 Uhr. Mit einem etwas mulmigen Gefühl trete ich ein. Ich werde in einen Warteraum verwiesen, in dem ich ganz alleine bin. Ich sehe mich um. Es gibt nur eine einzige Tür und die hat von innen offenbar keine Türklinke. Ich kann also das Polizeirevier nicht mehr verlassen. Beklemmung steigt auf und es beginnt eine Zeit bangen Wartens. Nach vielleicht einer Viertelstunde, die sich jedoch wie eine Ewigkeit anfühlt, werde ich von einem Volks­polizisten abgeholt und in einen anderen Raum gebracht. Ich schildere ihm den ganzen Vorfall und erkläre ihm, dass ich Anzeige erstatten möchte. Er fädelt etwas umständlich ein aus mehreren Durchschlägen bestehendes Formular in eine mechanische Schreibmaschine der Marke Olympia ein. Fast schon entschuldigend sagt er, dass er mit dieser Schreibmaschine noch nicht vertraut sei. Die Volkspolizei hätte von ihren westdeutschen Kollegen vor wenigen Tagen erst neue – d.h. im Westen ausgemusterte – Olympia-Schreibmaschinen bekommen, die die alten Volkspolizei-Maschinen ablösen sollten. Trotz der für mich eher bedrückenden und beängstigenden Situation, kommt mir ein Gedanke in den Sinn, der mich zugleich erheitert und erstaunt. Während ich erlebe, wie derzeit der Computer die elektrische Schreibmaschine als Schreibgerät ablöst, gilt hier offenbar die Einführung einer gebrauchten, mechanischen Olympia-Schreibmaschine als Fortschritt und Modernisierung.

Mühsam tippt der Volkspolizist meine Angaben in das Formular. Nachdem er alle Felder ordnungsgemäß ausgefüllt und das Eingetippte nochmals überprüft hat, zieht er das Formular aus der Schreibmaschine und gibt mir zu verstehen, dass damit alles erledigt sei und ich das Polizeirevier wieder verlassen könne. Ich frage ihn nach einem Durchschlag. Er gibt mir zu verstehen, dass ein Durchschlag für mich nicht vorgesehen sei. Darauf erkläre ich ihm, dass ich irgend einen schriftlichen Nachweis benötige, um belegen zu können, dass meine sämtlichen Papiere gestohlen wurden und dass ich den Diebstahl bei der Polizei angezeigt hätte. Ich müsse schließlich einen neuen Personal­ausweis beantragen, und auch einen neuen Führerschein. Und ich bräuchte eine neue Scheckkarte und einen Ersatz für meinen KfZ-Schein. Zettel Ich scheine ein gewisses Mitleid zu erregen und der Polizist denkt nach. Er nimmt aus einem Zettelkasten – der neben der Olympia ebenfalls wie eine neue Errungenschaft aus dem Westen aussieht – einen 9 cm mal 9 cm großen Notizzettel und versucht umständlich, diesen in die Schreibmaschine einzuspannen. Er braucht mehrere Anläufe, bis es endlich klappt und der Zettel nicht mehr schief auf der Walze liegt. Dann tippt er auf diesen Zettel folgendes Protokoll: Berlin, den 02.10.90, 22.10 Uhr. Diebstahl einer Herrentasche mit PA, FS, KfZ-Papiere, 11 Schecks, eine Geldkarte. Er zieht den Zettel aus der Schreibmaschine, versieht ihn mit einem Stempel und überreicht in mir. Staunend nehme ich den Zettel entgegen. Nicht einmal mein Name und meine Adresse sind auf dem Zettel vermerkt. Und damit soll ich bei den Behörden neue Ausweispapiere beantragen?

Ich verlasse das Volkspolizeirevier 11 zwar mit einer gewissen Erleichterung, aber ich frage mich, was mir diese Aktion außer einem von amtlicher Stelle abgestempelten Notizzettel gebracht hat. Ich fühle mich genauso hilflos, allein und mittellos wie vorher. Teilweise zu Fuß, teilweise mit der S-Bahn schaffe ich es irgendwie, kurz vor Mitternacht in meiner Unterkunft in der Kreuzstraße anzukommen. Von dort kann ich endlich zu Hause anrufen, um all das Erlebte zu erzählen. Über Bekannte gelingt es, andere entfernte Bekannte in West-Berlin ausfindig zu machen, die ohne zu Zögern bereit sind, mir ausreichend Bargeld für meinen Aufenthalt in Berlin zu leihen. So kann ich das Gästehaus bezahlen und auch meinen Wagen für die Heimfahrt volltanken. Der noch bevorstehende Kongress, der mich ja ursprünglich nach Belin geführt hatte und in den ich große Erwartungen gesetzt hatte, bietet für mich angesichts meiner durchgemachten Erlebnisse wenig Spektakuläres. Auch die Präsentation meiner Software verläuft reibungslos, obwohl ich nicht mehr so ganz bei der Sache bin. Ich sehne mich eigentlich nur noch nach Hause. Das Konzert in der Staatsoper vergesse ich völlig und mein Sitzplatz wird wohl leer bleiben. So bin ich wahrscheinlich der stolze und einzige Besitzer einer nicht entwerteten Eintrittskarte dieses historischen Konzertes am 3. Oktober 1990 in der Deutschen Oper in Berlin.